Frankfurter Geschichten

 

Hier finden Sie Biografien von 

 

Familie Wronker

Familie Beit von Speyer

Familie Wertheimer

Familie Stern

Wilhelm Ernst Oswalt, Ludwig "Lux" Oswalt, Irene Hilb

Familie Salomons

Elise Hofmann

Edith Erbrich

Familie Ebe

FAMILIE WRONKER

 

Kaum jemand erinnert sich noch an den Namen „Wronker“ und welche Bedeutung die Unternehmerfamilie und das Unternehmen ‚Hermann Wronker AG’ von 1891 bis 1933 nicht nur für Frankfurt am Main, sondern auch weit darüber hinaus einmal hatte.

Die Erinnerung wachzuhalten an diese Menschen, an ihre großartige Lebensleistung und ihre qualvolle Vernichtung – und damit an millionenfachen Mord durch ein unfassbar grausames nationalsozialistisches Regime und seine willigen Helfer – das ist das Anliegen und gleichzeitig die Mahnung dieses Buches.

In Zusammenarbeit mit einem Bauunternehmer und einem namhaften Architekten gelang es Wronker, seine visionäre Konzeption eines Warenhauses an der Frankfurter Zeil nach amerikanischem Vorbild zu verwirklichen. Mit einer Frontbreite von 8o Metern präsentierte sich dieses Warenhaus, zu seiner Zeit einzigartig, mit einem breit gefächerten Warenangebot zu maßvollen Preisen. Das Unternehmen erwirtschaftete von 191o bis 1933 ständig wachsende Umsätze mit zeitweise 3ooo Mitarbeitern!

Das Kaufhaus Wronker auf der Zeil

Nach persönlichen Angriffen und Hasstiraden schon vor 1933 folgten nach der Machtergreifung  der Nationalsozialisten dann Boykottaufrufe bis hin zum Verbot des Betretens des eigenen Warenhauses für Hermann Wronker und seinen Sohn Max und die Enteignung durch ‚Arisierung’.

 

Hermann und Ida Wronker mit ihren Enkeln

Den Kindern Alice und Max gelang noch die Flucht ins sichere Ausland. Der verspätete Plan der Eltern Ida und Hermann Wronker, mit erteiltem Visum in die USA auszuwandern, scheiterte: Aus Frankreich wurde das Ehepaar verschleppt und wahrscheinlich 1942 in Auschwitz ermordet.

(c) Dieter Mönch

Das Buch ‚Vergessene Namen  Vernichtete Leben‘  Die Geschichte der jüdischen Frankfurter Unternehmerfamilie Wronker und ihr großes Warenhaus an der Zeil  ist im Eigenverlag erschienen und kann über d_moench@t-online.de direkt beim Autor zum Preis von € 14,80 zzgl. Versand bestellt werden.

FAMILIE BEIT VON SPEYER

 

Der historische Teil des heutigen Luxushotels Villa Kennedy in Frankfurt am Main (heutige Adresse Kennedyallee 70) war ursprünglich das Wohnhaus der jüdischen Familie Beit von Speyer. Dieter Wesp erforschte als Stadtteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft die Geschichte des Gebäudes und entdeckte, dass die Villa eine von rund 170 Immobilien war, die die Stadt Frankfurt im Nationalsozialismus in ihren Besitz gebracht hatte.

Villa Beit von Speyer. Erbaut 1901 (zeitgenössische Aufnahme von 1902)

Lucie Beit, geborene Speyer starb schon 1918, sie war über den Tod ihres ältesten Sohnes im 1. Weltkrieg nicht hinweggekommen, Eduard Beit von Speyer stirbt im März 1933, die drei noch lebenden Kinder emigrieren. Die Stadt Frankfurt interessiert sich für das Gebäude, zu dem ein Grundstück mit über 8.000 qm gehört. Sie will damit ein Kaiser-Wilhelm-Institut in die Stadt locken und dafür das Gebäude mit Park zur Verfügung stellen. Die Erben bekommen die Immobilie unter Druck und unter Wert abgepresst. Der geplante Deal klappt und das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik zieht dort 1938 ein. Im 2. Weltkrieg wird dort kriegswichtige Strahlenforschung betrieben und ein Bunker gebaut.

1948 entschädigt die Stadt die Erben mit 150.000 DM. Was das Grundstück wirklich wert ist, zeigt sich im Jahr 2000 als das mittlerweile in Max-Plank-Institut für Biophysik umbenannte Institut auf den naturwissenschaftlichen Campus der Universität Frankfurt umzieht. Die Stadt verkauft das Gelände für 180 Millionen DM an einen privaten Investor.

Dabei war dies kein Einzelfall. Dieter Wesp entdeckte im Institut für Stadtgeschichte eine Liste, die insgesamt 170 Immobilien umfasst, welche die Stadt sich im Nationalsozialismus angeeignet hatte. Bislang war diese Liste kein Gegenstand systematischer Forschung. Das soll sich jetzt ändern. Mit Bezug auf die Publikationen und Vorträge Dieter Wesps hat die Stadt Frankfurt 2018 beschlossen, diese Vorgänge umfassend untersuchen zu lassen. Das Fritz-Bauer-Institut wird diese Arbeit übernehmen.

(c) Dieter Wesp

Die Weißwäscher - "Arisierung" jüdischer Immobilien durch die Stadt Frankfurt am Main.

Aufsatz für "informationen - wissenschaftliche Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933 - 1945"

http://dieterwesp.de/data/documents/Miersch_Liste-ISDW-komp.pdf

FAMILIE WERTHEIMER

 

Die drei Schwestern Barbara (Betty), Selma und Anna Wertheimer wurden in Lambsheim in der Pfalz geboren. Ihre Eltern Karl und Luise Wertheimer hatten insgesamt sieben Kinder. Im April 1907 zog die Familie von Freinsheim in der Pfalz nach Frankfurt. Karl Wertheimer starb bereits im Jahr 1911. Die Familie wohnte zunächst in der Burgstraße 19 und ab dem 6. Mai1910 bis 1931 im Mauerweg 10 im 2. Stock. Hier wohnten die drei Schwestern und ihr Bruder Ludwig mit der Mutter gemeinsam und später zeitweise auch mit ihren Ehepartnern zusammen. Im Jahr 1931 zogen die Eheleute in eigene Wohnungen. Die inzwischen 73 jährige Mutter übersiedelte zur Tochter Betty und deren Mann Eugen Kloos in die Textorstrasse 94, wo sie am 6. Februar 1937 starb und noch auf dem alten jüdischen Friedhof in der Rat-Beil-Strasse beerdigt wurde.

Anna Schmitt in den 1920er Jahren    Anna Schmitt mit einem Nachbarskind um 1941

Barbara Wertheimer, von Beruf Verkäuferin, hatte am 6. Oktober 1921 in Frankfurt den Zahntechniker Eugen Bernhard Kloos geheiratet, der in Frankfurt geboren wurde. Trauzeugen waren laut Heiratsurkunde Simon Scheuer aus der Friedberger Landstrasse 129 und der Bruder Ludwig Wertheimer. Barbara und Eugen Kloos zogen 1931 in die Textorstrasse 94. Im Adressbuch der Stadt von 1938 ist Eugen Kloos mit „Zahnwaren“ in der Textorstrasse 94 eingetragen. Von 1939 bis 1942 wohnte das Ehepaar in Zeil 14, ein sogenanntes Judenhaus, in dem antisemitisch Verfolgte vor ihrer Deportation wohnen mussten.

Barbara und Eugen Kloos wurden am 11.Juni 1942 ab Frankfurt nach Sobibor und Majdanek deportiert.

Laut Verzeichnis ging der sechste Frankfurter Sonderzug am frühen Morgen ab. Er hatte 1253 Insassen, davon wurden 188 bis 250 Männer im Alter von 15-20 Jahren nach der Selektion in das Lager Majdanek eingewiesen.

Nach dem Eintrag im Sterbebuch ist Eugen Kloos dort am 22.Juli 1942 verstorben.

Seine Frau Barbara wurde möglicherweise direkt in das Vernichtungslager Sobibor  gebracht und dort ermordet.

 

Selma Wertheimer, die als Hausgehilfin gearbeitet hat, heiratete am 15. März 1922 den Kaufmann Simon Scheuer, der in Bad Soden am Taunus geboren wurde. Für ihn war es die zweite Ehe, mit seiner ersten Frau Leopoldine, geb. Schüssler, hatte er zwei 1907 und 1910 geborene Söhne.  Trauzeugen waren Ludwig Wertheimer und der Schwager Emil Schmitt, beide auch wohnhaft im Mauerweg 10. Simon Scheuer kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg. Durch einen Durchschuss des rechten Unterarms ist er zu 70 Prozent schwerbehindert. Er ist Inhaber des Eisernen Kreuzes II. Klasse, der hessischen Tapferkeitsmedaille, des Verwundetenabzeichens und des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer. Selma und Simon Scheuer zogen in die Börnestrasse 44, die in der NS-Zeit in Großer Wollgraben umbenannt wurde. Zuletzt wohnten sie in der Allerheiligenstrasse 77. Sie hatten zwei Töchter, Ruth und Helga. Ruth gelang die Flucht ins Ausland, über den Verbleib von Helga ist nichts bekannt.

Für den 1. September 1942 stehen Selma und Simon Scheuer auf der Liste der zu deportierenden Juden nach Theresienstadt.

Zu dieser Zeit hatte Theresienstadt einen Höchststand von 58 652 Menschen erreicht und dies auf einer Fläche von eineinhalb Quadratkilometern. Die Menschen starben infolge von Hunger, Krankheiten, Hitze und seelischem Leid.

Da der Platz für weiter ankommende Transporte nicht mehr ausreichte, wurden immer mehr Menschen weiter nach Auschwitz geschickt.

Die Schriftstellerin Ilse Weber, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde, sang und spielte mit den Kindern in Theresienstadt. Von ihr stammt der Vers aus dem Theresienstädter Kinderreim:

"Rira,rirarutsch/ Man spannt uns vor die Leichenkutsch/ Hätt sie geladen unser Leid/ wir kämen nicht drei Schritte weit".

Mit einem Transport am 28.Oktober 1944 wurden auch Selma und Simon Scheuer nach Auschwitz gebracht. Aus diesem Transport gab es nur wenige Überlebende, die Beiden waren nicht dabei.

 

Anna Wertheimer, das zweitjüngste der Wertheimer-Kinder, heiratete am 10.11.1921 den Kaufmann Emil Schmitt, der nicht dem jüdischen Glauben angehörte. Dieser arbeitete wohl als Vertreter, hatte jedoch im Beruf nur mäßigen Erfolg und litt an den Folgen einer Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg. Nach einer Straftat, die er aus wirtschaftlicher Not begangen haben soll, wurde er inhaftiert. Nach der Entlassung aus der Haft am 1. Juli 1933 zog er mit seiner Frau in seinen Geburtsort Fischbach im Taunus, wo auch seine Familie lebte. Er arbeitete in dieser Zeit als Möbelvertreter und wurde am 6. September 1939 zur Wehrmacht eingezogen, aus der er am 7.April 1941 entlassen wurde. Der Grund ist nicht bekannt, vielleicht spielte auch seine noch bestehende Ehe mit einer Jüdin eine Rolle. Emil Schmitt wurde von der Gestapo verhaftet und am 19. Mai1943 in das Konzentrationslager Natzweiler überstellt.

Am gleichen Tag wird auch Anna Schmitt verhaftet, in der Gestapozentrale in der Lindenstrasse 27 in Frankfurt verhört und in das Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße 5  gebracht.

Am 20.September frühmorgens um 6.30 Uhr mit einem als "Sondertransport" bezeichneten Zug werden einige Frauen aus dem Polizeigefängnis in das KZ Auschwitz überstellt. Unter ihnen befindet sich auch Anna Schmitt. In der Sterbeurkunde des KZ Auschwitz vom 11.November 1943 wird ihr Tod am 15.Oktober eingetragen, die Diagnose „Darmkatarrh bei Grippe“. Inzwischen weiß man, dass diese Angaben willkürlich in die Sterbeurkunden eingetragen wurden.

Nach der Evakuierung des Lagers Natzweiler kam Emil Schmitt in das KZ Dachau, wo er zwei Tage vor der Befreiung durch die Alliierten am 27. April 1945 registriert ist.

Er starb am 16. Dezember 1945, wahrscheinlich an den Folgen der KZ-Haft in einem Lazarett in Bad Mergentheim und wurde auf dem dortigen Friedhof beerdigt.

Ein Grab für seine Frau Anna gibt es nicht.

(c) Heidi Stögbauer

FAMILIE STERN

 

Selma, Seligmann und Elfriede Stern lebten in einem Gründerzeitmietshaus im Frankfurter Nordend in der Kantsraße 6.

Selma Stern geb. Erlanger, geb. 1879,  stammte aus Offenbach, Seligmann Stern, geb. 1872,  kam aus Wachenbuchen, einem kleinen Ort im Main-Kinzig-Kreis. 

Die Tochter der beiden, Elfriede, kam 1914 zur Welt. 

Seligmann, Selma und Elfriede Stern

Seit wann die Sterns in der Kantstraße wohnten und warum sie nach Frankfurt gezogen sind, ist leider nicht bekannt. Möglicherweise wegen verwandtschaftlicher Beziehungen: nur einen Steinwurf entfernt, in der Herderstraße, wohnte Jeanette, die Schwester von Seligmann Stern. Sie lebte dort mit ihrem Mann, dem Schneidermeister Eugen Weiss, und der gemeinsamen Tochter Martha.

Das Haus Kantstraße Nummer 6 wurde später ein sogenanntes Judenhaus, in das jüdische Mitbürger*innen vor ihrer Deportation zwangsweise eingewiesen wurden.

Neben den Sterns lebten dort noch weitere 18 Männer, Frauen und Kinder, die allesamt deportiert und umgebracht wurden. Der jüngste war Siegfried Weißmann, der mit elf Jahren in Auschwitz starb. 

Selma Stern wurde im Juli 1941 verhaftet, sie hatte versucht, ihr Geld vor dem Zugriff der Nazis zu retten. Sie sollte nämlich eine „Judenvermögensabgabe“ von fast 7000 RM entrichten. 

Nachdem ihre in Berlin lebende Schwester eine Kaution gestellt hatte, wurde Selma Stern im September 1941 aus der Haft entlassen und zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Sept. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19.3.1944 starb. 

Seligmann Stern hatte im 1. Weltkrieg gekämpft und sich mit Malaria infiziert, er war seit Jahren schwer krank und pflegebedürftig. Als seine Frau in Haft war und er selber den Schikanen der Gestapo ausgesetzt war, sah er für sich keinen Ausweg mehr und nahm sich am 7. Juli 1941 das Leben. Sein Grab befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße. 

Für das Ehepaar Stern wurden im September 2012 Stolpersteine verlegt. Bei der Verlegung anwesend war ihr Enkel Yoram Knopp, der mit seiner Frau aus Israel angereist war. 

Elfriede Stern konnte 1935 gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Walter Knopp nach Palästina fliehen.  Dort nahm sie den Vornamen Dina an. Walter Knopp stammte aus Berlin und war 1924 schon einmal für eine längere Zeit in einem Kibuzz in Palästina gewesen, kehrte aber zwischendurch wegen einer Typhuserkrankung nach Deutschland zurück. Knopps betrieben später eine Wäscherei in Tel Aviv, sie hatten zwei Söhne. 

Auch für Elfriede Knopp wurde im Juni 2019 ein Stolperstein verlegt, bei dieser Gelegenheit war Yoram Knopp, der in Rishon LeZion bei Tel Aviv lebt, wieder zu Besuch in Frankfurt. 

(c) Helga Irsch-Breuer

WILHELM ERNST OSWALT

LUDWIG "LUX" OSWALT

IRENE HILB

 

In der Bettinastraße 48 liegen Stolpersteine für Irene Hilb, Ludwig "Lux" Oswald und Wilhelm Ernst Oswald.

Wilhelm Ernst Oswalt wurde in Frankfurt als Sohn von Heinrich Oswalt und Brandine, geb. Deichler, geboren und war seit 1901 Mitinhaber des Frankfurter Verlags Rütten & Loening. In dem 1944 gegründeten Verlag war das berühmte Kinderbuch „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann erschienen.

Bereits sein Vater Heinrich Oswalt (1830-1891), ein Neffe des Verlagsgründers Joseph Rütten, war zusammen mit Karl-Friedrich Loening Inhaber des Verlags. Als Heinrich Oswalt, der vom Judentum zum Protestantismus konvertiert war, starb, übernahm seine Frau Brandine Oswalt den Verlag. Sie war eine Tochter des Pfarrers Johann Christian Deichler, der von 1843 bis 1873 an der evangelischen St. Peterskirche wirkte.

Nach der Übernahme des Verlags durch Wilhelm Ernst Oswalt wurde 1905 der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) für zehn Jahre Cheflektor des Verlags, 1913 übernahm Adolf Neumann die Geschäftsführung und wurde Teilhaber.

1918 heiratete Wilhelm Ernst Oswalt die jüdische Lehrerin Wilhelmine Rosenhaupt. Ihre gemeinsame Tochter Fanny starb noch im selben Jahr. 1920 und 1922 wurden die Söhne Wilhelm Heinrich, genannt Heiri, und Ernst Ludwig, genannt Lux, geboren. Beide wurden in der Peterskirche getauft, Wilhelm Heinrich am 18. Juli 1920, Ernst Ludwig Oswalt am 9. Dezember 1922. Taufpfarrer war der Theologieprofessor und linksliberale Politiker Paul Martin Rade (1857-1940), Redakteur der protestantischen Halbmonatsschrift „Die Christliche Welt. Evangelisches Gemeindeblatt für Gebildete aller Stände“. Rade gilt als Hauptvertreter des Kulturprotestantismus.

Die Familie Oswalt wohnte damals in der Eschenheimer Anlage 10, ab 1929 in der Merianstraße 55. 1936 musste verfolgungsbedingt der Verlag verkauft werden. Die Familie zog in die kleinere Stadtwohnung in die Bettinastraße 48. 1937 ging Heiri nach absolvierten Abitur zum Studium nach Zürich. 1938 starb Wilhelmine Oswalt an Leukämie.

Wilhelm Ernst Oswalt, dessen Familie seit Mitte des 19. Jahrhunderts protestantisch war, galt inzwischen - nach nationalsozialistischer Definition - als „Halbjude“ und wegen seiner jüdischen Frau als „Geltungsjude“. Er bemühte sich vergeblich seinen Sohn Ludwig ins Ausland zu bekommen.

Ludwig „Lux“ war in der Gemeindearbeit der Petersgemeinde aktiv, hielt Kindergottesdienste, war eng mit Pfarrer René Wallau verbunden und engagierte sich besonders für das Theaterspiel. Er schrieb Stücke, inszeniert sie und übernahm selbst eine Rolle.1940 begann er eine Lehre als Buchbinder, die er jedoch nicht fortsetzen durfte und stattdessen 1942 als Lagerarbeiter in den Eisenhandel versetzt wurde, später zu einer Fell- und Häutehandlung. Daneben war er in der Jugendarbeit der Petersgemeinde aktiv. Diese durfte er etwa ab März 1941 nicht mehr fortführen. „Zu unserem grossen Leidwesen hat irgendein nicht gerade wohlmeinender Wichtigtuer ihm die evangel. Gemeindearbeit abgegraben – seit etwa einem Monat!", schrieb sein Vater am 5. Mai 1941 an „Heiri“ nach Zürich. Ob das Aus von Ludwig Oswalts Gemeindearbeit tatsächlich auf diese Zeit zu datieren ist, ist fraglich. Jedenfalls sang er nach Aussagen eines etwa gleichaltrigen Verwandten im Kirchenchor der Petersgemeinde und soll den – erst im September 1941 eingeführten – „gelben Stern“ auf der Kleidung getragen haben.

Wilhelm Ernst Oswalt wurde wahrscheinlich Anfang 1942 verhaftet. Er soll vergessen haben, den diskriminierenden gelben Stern wie vorgeschrieben zu tragen. Unbekannten Datums wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Ludwig Oswalt erhielt am 7. Juni 1942 die Aufforderung, Frankfurt drei Tage später „zu verlassen“. Am Tag vor der Deportation verfasste er noch einen Brief „Meinen Freunden zum Abschied“.

 

Sein Bruder Heiri Oswalt heiratete 1944 in Zürich eine Helene Bläuer („Heli“). Aus der Ehe gingen die Tochter Ruth (1946) und der Sohn Stefan (1948) hervor. Ruth C. Oswalt wurde Schauspielerin, gründete mit ihrem Mann Gerd Imbsweiler das Vorstadttheater Basel.

2011 inszenierten sie das Theaterstück „Struwwelväter“ – die Familiengeschichte der Oswalts. 

Irene Hilb half wahrscheinlich nach dem Tode von Wilhelmine Oswalt im Haushalt der Oswalts in der Bettinastraße, wo sie auch wohnte. Die ledige junge Frau kam aus Würzburg und war die Tochter von Marianne Hilb, geb. Wolff, und des Hochschullehrers und Mathematikers Professor Dr. Emil Hilb (1882-1929). Sie hatte die Sophienschule in Würzburg besucht und war ab 1935 wie ihre Mutter Mitglied im Jüdischen Kulturbund. Die Mutter lebte seit September 1936 als Witwe wieder in ihrem Elternhaus in Stadtoldendorf im Weserbergland. Ihr Vater hatte dort seit 1900 die vom Urgroßvater 1873 gegründete Weberei „A. J. Rothschild Söhne“ geleitet. Diese wurde nun von ihrem Bruder Dr. Richard Wolff – der Onkel Irene Hilbs –seit 1919 als technischer Leiter weitergeführt. Im Mai 1938 zog Marianne Hilb wieder zusammen ihrer Mutter nach Würzburg, vermutlich um der Hetze wegen des gegen ihren Bruder geführten Prozesses zu entgehen. Als sie von dessen Tod im Konzentrationslager Sachsenhausen (3. Februar 1940) erfuhr, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch und zog am 24. August 1940 mit ihrer Mutter zur Tochter nach Frankfurt. Marianne Hilb wohnte mit ihrer Mutter Gertrud Wolff in der Liebigstr. 31, ihre letzte Wohnadresse soll dann die Bettinastraße 48 gewesen sein.

Marianne Hilb wurde wahrscheinlich zusammen mit ihrer Tochter Irene deportiert, auch ihr Todesdatum ist nicht bekannt. Gertrud Wolff wurde am 18. August 1942 nach Theresienstadt verschleppt, wo sie fünf Tage später starb. An beide erinneren Stolpersteine in Stadtoldendorf. Letztes Lebenszeichen von Irene Hilb ist eine Postkarte, datiert vom 20. Juli 1942, die sie aus dem Zwangsarbeiterlager Trawniki an Helene „Heli“ Bläuer, die damalige Freundin und spätere Ehefrau von Heinrich Oswalt, nach Zürich schrieb. Darin schrieb sie auch: „Der Lux arbeitet m.W. in Lublin“.

(c) Hartmut Schmidt

FAMILIE SALOMONS

 

Mina und Arnold Salomons lebten mit ihren Kindern Dagobert und Hanna in Frankfurt in der Karl-Albert-Straße 33. Dagobert gelang als einzigem der Familie 1938 die Flucht nach Kolumbien. 

Nach intensiven Recherchen fanden die heutigen Hausbewohner Rosi und Edgar Reh die Tochter von Dagobert Salomons in Darmstadt und ihren Bruder in Banska Bystrica (Slowakei).

Arnold Salomons wurde als Sohn von David Salomons und Mietje, geb. de Jong, in Almelo in Holland geboren. Er hatte einen älteren Bruder Aron (Jg. 1869) und eine ältere Schwester Johanna (Jg. 1875). Er war deutscher Staatsbürger, da seine Eltern aus dem niedersächsischen Grenzort Neuenhaus, wenige Kilometer von Almelo, kamen. Seine Militärzeit absolvierte er als Infanteriesoldat beim Kaiser-Franz-Garderegiment in Berlin. Von 1914 bis 1918 nahm er als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Er war verwundet und ausgezeichnet worden. Nach Kriegsende ließ er sich in Frankfurt am Main nieder und heiratete dort 1919 Mina Löwenstein aus Bruchsal. Das Paar zog in die Savignystraße 75. Es hatte zwei Kinder: Dagobert und Hanna. Arnold Salomons arbeitete als Tabakagent für deutsche und holländische Tabakfabriken. 

Arnold Salomons, 1937                                                 Hanna Salomons

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten begannen die finanziellen Probleme der Familie: Sie musste für den Hauskauf geliehenes Geld zurückzahlen. Der Tabakhandel reichte gerade, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten. Die ganze finanzielle Situation und die Verfolgung belasteten Mina so, dass sie in eine schwere Depression verfiel. Ab Herbst 1936 lebte sie deshalb in der Nervenheilanstalt Herborn. Hier verschlimmerte sich ihr Leiden so, dass sie im Mai 1937 starb. Es ist zu vermuten, dass ihr Tod auch durch eine gezielte Vernachlässigung verursacht wurde. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße beerdigt. 

Wegen der finanziellen Schwierigkeiten der Familie, bedingt auch durch die Krankheit der Mutter, musste Dagobert im April 1936 das Gymnasium verlassen. Er begann eine kaufmännische Lehre in der Firma Gummiwerk Odenwald in der Mainzer Landstraße. Durch den Zwangsverkauf der Firma 1938 musste er seine Ausbildung abbrechen. Im Juli 1938 konnte Hanna mit einem Geschäftsfreund nach Holland geschickt werden, um ihr eine berufliche Zukunft zu sichern. Dagobert flüchtete im Oktober 1938 nach Kolumbien. 

Dagobert Salomons                                                 Hanna Salomons

Arnold Salomons blieb nun allein in dem Haus zurück. Während der Novemberpogrome fand er zunächst Zuflucht bei seinem Freund Josef Bilz in Bernbach. Bei seiner Rückkehr nach Frankfurt fand er sein Haus geplündert und zerstört. Er wurde kurze Zeit später verhaftet und ins KZ Dachau eingeliefert, wo er die Häftlingsnummer 25670 hatte. Nach seiner Entlassung flüchtete er Anfang 1939 nach Holland. Dort wollte sich Lilly Goldschmidt, eine enge Freundin und Nachbarin aus Frankfurt, die inzwischen ein Visum für die USA bekommen hatte, am 13. Mai 1940 in Rotterdam auf der Veendam nach New York einschiffen. Doch nach der Besetzung Hollands durch die Deutschen am 10. Mai und der Bombardierung von Rotterdam konnte kein Schiff mehr auslaufen und Lilly blieb bei Arnold Salomons.

Arnold Salomons und Lilly Goldschmidt zogen nach Almelo zu Arnolds Schwester Johanna van Coevorden und ihrer Familie, nach einiger Zeit weiter in das Haus der deutsch-holländischen Emigrantenfamilie Latterman aus Offenbach. Hanna Salomons lebte in einer anderen Stadt, machte dort einen Kurs in Orthopädie und war Pflegerin bei einer holländischen Familie. Sie wollte über Belgien in die Schweiz entkommen, wurde jedoch in Belgien verhaftet, deportiert und ermordet. Im August 1942 bekam Arnold Salomons wie auch andere jüdische Männer in Almelo den Befehl zum Transport in das Lager Nimspet. Er und Lilly Goldschmidt beantragten in Almelo eine Heiratserlaubnis. Im September 1942 wurde Lilly Goldschmidt verhaftet und nach Westerbork gebracht. Einige Tage später kam auch Arnold Salomons dort an, am 6. Oktober 1942 wurden beide in Westerbork standesamtlich getraut. „Es gab keinen Stuhl, auf dem man sitzen konnte, nichts zu Essen außer einer Gefangenen-Ration“, beschrieb Lilly später ihre Hochzeitsfeier. In Westerbork waren sie in unterschiedlichen Bereichen des Lagers untergebracht. Da Arnold Salomons Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs war und als solcher mit seiner Ehefrau zu den sogenannten Privilegierten gehörte, wurden beide anstatt in ein Vernichtungslager nach Theresienstadt deportiert. Dort waren Lilly und Arnold Salomons in getrennten Baracken untergebracht, konnten sich aber häufig treffen.

Arnold Salomons wurde mit dem letzten Transport nach Auschwitz deportiert. Arnolds Bruder Aron Salomons starb 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Amsterdam, dessen Frau Emma wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Seine Schwester Johanna und ihr Ehemann Julius van Coevorden wurden nach Sobibor deportiert und ermordet. Deren Tochter Johanne wurde 1944 nach Neuengamme deportiert und gilt als verschollen. Ihr Bruder Jonas Joel van Coevorden und seine Frau Selma, geb. Meier, sowie die 6-jährige Tochter Leonore wurden von Westerbork nach Sobibor deportiert und dort ermordet.

(c) Rosi und Edgar Reh

ELISE HOFMANN

 

Elise Hofmann wurde am 18.7.1872  in Bühl (Baden) als Tochter von August Bloch und Rosalie Bloch, geb. Hirschhorn, geboren. Sie war seit 1916 verwitwet. Ihrer 1896 geborenen Tochter Gertrude, die 1927 Alfons Levi geheiratet hatte, gelang die Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA.

Elise Hofmann mit ihrer Tochter Gertrude, ca. 1902   (c) Karen Levi  

Am 12. September 1930 zog Elise Hofmann aus der Parkstraße 59 als eine der ersten Bewohnerinnen in das 1928 errichtete Altenheim der Henry und Emma Budge-Stiftung ein. Im März 1939 wurden die letzten jüdischen Bewohner aus dem Henry und Emma Budge-Heim vertrieben.

Elise Hofmann zog am 22. Dezember 1938 in die Telemannstraße 12, wohnte dann im Altenheim Zeil 92 und zuletzt im Israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße 36. Von dort wurde sie am 18.8.1942 zunächst nach Theresienstadt und am 26.9.1942 weiter nach Treblinka deportiert. Ihr Todesdatum ist unbekannt.

Elise Hofmann, ca. 1941 (c) Karen Levi

Schreiben der Association of Jewish Refugees in Great Britain vom 15. April 1946 an den Bruder von Elise Hofmann (c) Karen Levi

Das Altenheim der Henry und Emma Budge-Stiftung wurde 1939 „arisiert“ und in „Heim am Dornbusch“ umbenannt. Nach dem Krieg wurde es von den amerikanischen Militärbehörden bis 1995 als Zahnklinik genutzt. Heute gehören die alten Gebäude der Senioren-Residenz Grünhof. Ein neues Altenheim der Budge-Stiftung wurde 1968 in Frankfurt-Seckbach errichtet. Dort befindet sich seit 2011 eine Gedenkstätte der Budge-Stiftung, in der an Elise Hofmann und 22 weitere ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner des ehemaligen Budgeheimes erinnert wird.

An Elise Hofmann erinnert seit 2019 ein Stolperstein in der Hansaallee 146 vor dem heutigen Seniorenzentrum Grünhof im Park. 

(c) Hartmut Schmidt

EDITH ERBRICH

 

Edith Ebrich geb. Bär war ein Kind von sechs Jahren, als sie mit ihrer älteren Schwester Hella und ihrem Vater Norbert Bär am 14. Februar 1945 aus dem Haus in der Uhlandstraße 60 mit einem der letzten Transporte nach Theresienstadt deportiert wurde.

Heute ist Edith Erbrich eine engagierte Zeitzeugin. Ich hab' das Lachen nicht verlernt lautet der Titel ihrer Lebensgeschichte, aufgezeichnet von Peter Holle (2014).

Roman Pawlowski/ SPIEGEL GESCHICHTE 

SPIEGEL ONLINE 25.08.2019

FAMILIE EBE

In den Räumen der heutigen Weinstube im Nordend wohnte und betrieb die  Familie Ebe den Lederwarenladen Ebe. Eine Erinnerung an die Familie Ebe von Hanne Straube.

Über die Existenz der Familie Ebe erfahre ich durch das Foto, dass die französische Schriftstellerin Olivia Rosenthal dem Redakteur Simon Broll vom Hessischen Rundfunk überlässt. Auf dem Foto stehen acht Personen vor einem Laden mit der Aufschrift „Inhaber A. Ebe Lederwaren“. Es sind, so finde ich später heraus, Vater und Mutter, ihre fünf Kinder und die Verwandte Rosa aus München.

Anlaß für das Gespräch zwischen Simon Broll und Olivia Rosenthal ist, daß die Schriftstellerin, deren Bücher in Frankreich prämiert sind, nach Frankfurt kommen soll. Zwei ihrer Bücher sind für die Buchmesse 2017 mit dem Gastland "Frankreich" ins Deutsche übersetzt worden. Simon Broll vom HR/FS Kultur und Wissenschaft, will ihr Buch "Wir sind nicht da, um zu verschwinden" (1) für den Arte Sender vorstellen. Darin schreibt Olivia Rosenthal über die Krankheit Alzheimer, über Erinnerungslücken und die eigene, nicht erzählte Familiengeschichte. 

Ein zweites Buch, das ebenfalls zur Buchmesse in Deutsch übersetzt wurde, heißt "Überlebensmechanismen in einer feindlichen Umgebung"(2); es thematisiert Nahtoderfahrungen. Um über solche Themen schreiben zu können, hat sie teilnehmend beobachtet.

Beim ersten Kontakt mit dem HR schickt Olivia dieses Foto ihrer Urgroßeltern Ebe mit. Eine Mitarbeiterin des HR erkennt den "Lederwarenladen Ebe" auf dem  Foto als unsere Weinstube. Wir werden angerufen und gefragt, ob wir bereit sind, Olivia Rosenthal bei ihrem Besuch in Frankfurt unser Lokal zu zeigen. 

Bei der Ortsbesichtigung erwähnt Simon Broll das Interview, das Olivias Großtante Esther Clifford, geb. Ebe, am 03.11.1996 in Cranbury/New Jersey/USA Irene Dansky von der USC Shoah Foundation gab (3). Sie berichtet ergreifend über das Leben ihrer Familie, die einst in „unseren“ Räumen lebten.

Für den Filmbeitrag wird Olivia Rosenthal ganz unvorbereitet in die Weinstube geführt und das obwohl sie im Buch schreibt: "Ich werde nicht nach Frankfurt auf Spurensuche nach meinem Urgroßvater gehen."(4) Ihre Großmutter Regina Rosenthal, geborene Ebe, die sich mit ihrer Familie und dem dreijährigen Sohn Hermann (Henry), dem Vater von Olivia, im Jahre 1933 nach Frankreich hat retten können, habe nicht gerne über die Zeit in Frankfurt gesprochen.(5)

Das Foto, das Interview ihrer Großtante Esther mit der USC Shoah Foundation und die Begegnung mit Olivia, bilden den Anstoß, mich auf die Suche nach der Geschichte unserer jüdischen Vormieter zu begeben. Dazu nehme ich auch Einsicht in die umfangreichen Akten im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden mit den Verhandlungen der überlebenden Schwestern und der "Entschädigungsbehörde".(6)

Abraham, Selda und ihre fünf Kinder

Abraham Ebe wird am 10.04.1884 in Warschau in Polen geboren. Sein Vater ist Leibu Ebe, die Mutter Rifka Ebe. Bis zum 16. Lebensjahr geht Abraham Ebe in die „Jeschiwa“ (jüd. Lehranstalt), dann macht er eine dreijährige Ausbildung zum Sattler und Portofeuilleur und arbeitet anschließend als Geselle in Warschau.  

Im Jahre 1907 heiratet Abraham Ebe Selda, geb. Eyba (in den Dokumenten manchmal auch Eiba genannt), geboren am 02.04.1884 in Warschau in Polen. Ihr Vater ist Hirsch Eiba (in den Dokumenten auch Eyba geschrieben, ihre Mutter heißt Esther Perel Eiba.(7) Esther Ebe, die jüngste der Kinder, wird also nach ihrer Großmutter mütterlicherseits benannt.

 

Am 13.12.1908 wird in Warschau die erste Tochter des Ehepaars Regina (Rywka) geboren, die Großmutter von Olivia.  Am 15.04.1911 kommt ebenfalls in Warschau die zweite Tochter Mary (Sura-Mirjan) zur Welt. 

Etwa 1911 zieht die Familie wegen der Pogrome in Polen und der besseren Schulausbildung für ihre Kinder nach Deutschland, zuerst nach Offenbach. Dort wird die dritte Tochter Rosa am 10.08.1914 geboren. Bald übersiedelt  die Familie nach Hannover, wo am 07.03.1918 der Sohn Leo (Leibu), benannt nach seinem Großvater väterlicherseits, geboren wird. - In Hannover lebten damals Verwandte, ebenfalls mit dem Nachnamen Ebe; vielleicht ein Grund hierher zu ziehen.

Vom August 1914 bis 1918 wird Abraham Ebe als Zivilgefangener und „feindlicher Ausländer“ in Holzminden interniert, erzählt Esther. (8) Von 1918 bis 1921 lebt die Familie in München. Hier wird am 05.12.1920 die Jüngste, Esther, geboren. 

Die häufigen Umzüge der Familie zeigen, welche Schwierigkeiten für polnische Juden bestehen, sich in Deutschland anzusiedeln. Auch in München können sie nicht lange bleiben. Danach erfolgt, so Regina, ein vergeblicher Versuch in Leipzig aufgenommen zu werden.(9)

Circa 1921 zieht die Familie nach Frankfurt in die Eckenheimer Landstraße 84. Hier richtet der Vater sein Lederwaren-Geschäft ein, verbunden mit der Werkstatt für Herstellung und Reparatur. Stolz wird dies auf dem Foto dokumentiert. In den hinteren Räumen lebt die Familie."Wir hatten eine kleine Wohnung hinter dem Laden mit einer Küche und zwei Zimmern, in denen die Eltern und wir fünf Kinder schliefen.(10) Sie waren nicht wohlhabend, aber die wirtschaftliche Lage ist stabil. Esther schildert das Leben der Familie als bescheiden, aber glücklich, insgesamt mit vielen Besuchen von Verwandten und Bekannten als sehr rege. Auch Weihnachten feierte man und auch nicht jüdische Bekannte kamen zu Chanukka, dem jüdischen Lichterfest. 

Im Nordend (11) von Frankfurt leben sie in einem Viertel, in dem jüdische Mitbewohner ihre eigene Infrastruktur einbringen können. Hier befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Laden, nur einige Querstraßen zur Stadtmitte hin, in der Hebelstraße 14-16, das Philanthropin, eine jüdische Schule. (12) Die Synagogen in der Friedberger Anlage und am Börneplatz sind zu Fuß erreichbar. 

Esther erzählt, dass ihre Eltern sowohl in ein kleineres Gebetshaus für polnische Juden in der Nähe gingen, wie auch in die Synagoge am Börneplatz, die hauptsächlich von deutschen Juden besucht wurde. Dies sieht man in der in deutsch gehaltenen  Einladung zu der Bar Mitzvah-Feier von Leo Ebe, die am 14.3.1931 in der Synagoge am Börneplatz in Frankfurt am Main stattfand. Sie schildert ihre Eltern als orthodox, aber nicht chassidisch. Der Vater ging Freitag abends und Samstag, aber oft auch noch mehrmals in der Woche in die Synagoge.

Die Eltern sprechen zunächst noch Jiddisch, lernen durch die Kinder aber schnell deutsch, erzählt Esther. Zu ihren polnischen Namen erhalten sie deutsche. Selda Ebe heißt auch Sophie, Rywka auch Regina, Sura-Mirjan auch Mary, Rosa auch Rosie, Leibu auch Leo und Esther auch Berta.

Alle Kinder der Familie sind künstlerisch begabt. Leo ist Solist in der Synagoge am Börneplatz. Alle Kinder gehen ins Philanthropin. Die älteste Tochter Regina, die im Alter von zwei Jahren nach Deutschland kam und von 1914 bis 1920 die Volksschule in München besuchte, geht bis zur Erreichung der Reife für die Obersekunda im Oktober 1926 dorthin. Danach arbeitete sie in der Firma Rheine Co. am Blittersdorf Platz in Frankfurt (13) als Sekretärin und Übersetzerin für Französisch und Englisch. Ihr Gehalt betrug damals 200,-- RM.(14)   Mary, die zweitälteste Tochter, geb. am 15.04.1911 in Warschau, geht nach dem Besuch des Philanthropins in Frankfurt vier Jahre lang in die Hochschule für Kunstgewerbe in Offenbach. Rosa, die drittälteste Tochter, wurde in der Klenze-Frauen-Schule in München eingeschult. Auch sie besucht das Philanthropin. Zeugnisse aus den Jahren 1923/24, 1924/1925, 1925/26 vom Klassenlehrer B. Schleifer liegen vor. Sie zeigen, dass sie eine exzellente Schülerin war. Esther ging ab 1926 bis 1933 ins Philanthropin. Sie erzählt, dass die Kinder der Ebe hier gerne gesehen wurden, da die älteste, Regina, eine sehr gute Schülerin gewesen sei, die mehrmals eine Klasse übersprungen habe. Rosa, Leo und Esther sollen im Philanthropin ihr Abitur  machen.(15) Leo sollte eventuell Medizin studieren (16), vielleicht aber auch Kantor werden.

Leo und Rosa Ebe, aufgenommen in Warschau

Die beiden älteren Töchter gehen bald ihren eigenen Weg. Regina heiratet in Frankfurt Willy (Chil) Rosenthal, geb. 10.08.1905 in Balutach, Bezirk Lodz bei Warschau, zunächst am 03.12.1929 amtlich, dann am 25.12.1929 vor dem Gemeinderabbiner. Beide sind Angehörige der israelitischen Religion. Er ist von Beruf Kaufmann und besitzt die Staatsangehörigkeit in Preußen laut Einbürgerungsurkunde des Reg. Präsidenten zu Hannover vom 27.10.1919.(17)

Willy und Regina sind ab dem 03.12.1929 zunächst in der fünf Zimmer Wohnung im Haus seiner Eltern in der Unterlindau 55 gemeldet. 1930 erfolgt dann Reginas Eintritt in das Geschäft ihres Mannes. Ab 1932 lebt die Kleinfamilie in der Wittelsbacher Allee 66 in einer eigenen Wohnung. Ihr Kind, Hermann Rosenthal, der Vater von Olivia, wird am 29.10.1930 in Frankfurt geboren.

Mary, die zweitälteste Tochter, heiratet am 15. Oktober 1935 Arthur Halberstadt in Frankfurt. Er ist am 29. Januar 1899 in München geboren. Gemeinsam mit ihm zieht sie 1935 nach München. 

Bereits 1931/32 zieht die Familie Ebe um in die Lenaustraße 93 im Nordend, nur zwei Strassen entfernt. "Nach etwa 10 Jahren, also gegen 1931, verlegte mein Vater dieses Geschäft nach der Lenaustraße."(18)

Die Machtübernahme

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30.01.1933 werden zügig die rassistischen, antisemitischen Pläne durch die Nationalsozialisten durchgeführt. Unter anderem führte dies zu Maßnahmen wie einem Berufsverbot für alle Juden.(19) Die Lebensbedingungen von Juden und Jüdinnen in Deutschland verändern sich dramatisch.

Jakob David Rosenthal, Reginas Schwiegervater, von Beruf Kaufmann, hatte bereits früh beschlossen, dass, wenn Hitler 1933 an die Macht kommen würde, er mit seiner Familie Deutschland verlassen wird. Er handelt prompt. Von einem berufsbedingten Frankreich-Aufenthalt im Mai 1933 kehrt er mit seiner Frau Judith Maria, geb. Kolsky – beide bisher wohnhaft in Frankfurt, beide mit der Staatsangehörigkeit „Preußen“, seinem Sohn Willy Rosenthal, 28 Jahre alt, und seiner Schwiegertochter Regina, 25 Jahre alt, die Älteste der Ebe Kinder, und seinem Enkelkind Hermann, nicht mehr nach Deutschland zurück.(20)

„Sie emigrierten erst nach Straßburg, doch durch die Nähe zur deutschen Grenze flüchteten sie bald weiter nach Paris. Sie lebten ab 01.06.1933 in Frankreich unter falschem Namen in Domaize. (Departement Puy-de-Dȏme, Region Auvergne-Rhȏne-Alpes). (21)

Abraham und Selda Ebe sind zunächst zuversichtlich. „Niemand glaubte, dass sich dieser Hitler in einem Volk voller berühmter Ärzte, Denker, Komponisten und Schriftsteller lange halten könne.“(22)

Die Repressalien gegen Juden nehmen zu. Die Veränderung ab 1933 nimmt Esther bedrohlich wahr.  Die Verbrennung der Bücher von jüdischen und oppositionellen Schriftstellern hat sie miterlebt, als sie mit ihrer Mutter auf dem Weg zum Einkaufen war. Sie erinnert die Hetzparolen und Karikaturen in der Zeitung „Der Stürmer“ an den Kiosken. An öffentlichen Plätzen steht: „Die Juden sind unser Unglück.“ Die negative Propaganda belastet sie. Sie erinnert alle Demütigungen, die Juden in diesen Tagen angetan werden. Immer mehr macht sich die „Hitlerjugend“ bemerkbar mit Attacken gegen jüdische Kinder. Für Esther ist alles – auch der Gang zur Schule – mit Angst verbunden. Sie lauern den jüdischen Kindern auf, wenn sie aus dem Philanthropin kommen. Sie werfen Steine, wenn jüdische Kinder vorbeilaufen. - Die Situation in der Familie Ebe ist angespannt. Wenn einer zur verabredeten Zeit nicht nach Hause kommt, ist man auf das Schlimmste eingestellt. Als ihr Bruder Leo einmal abends nicht vom Violine-Unterricht zurückkommt, geht Esther sogleich, ihn zu suchen. Sie findet ihn blutig zusammengeschlagen, auf dem Boden liegend, neben ihm die zerbrochene Violine. - Sie erinnert sich an eine Situation in der Straßenbahn, in der sie von Jugendlichen drangsaliert wird. Keiner der Erwachsenen hilft ihr, dem bedrängten jüdischen Mädchen. 

Auf einem Markt erlebt sie, dass, als sie ein lebendes Huhn kaufen will, wo sonst Hühner geschlachtet werden,  ihr jemand zuruft: „Eure Köpfe werden bald genauso rollen wie die Köpfe der Hühner.“(23)

Esther sagt, dass ihre Eltern erst 1935 realisierten, wie ernst die Lage war. Nachbarn wurden verhaftet oder verschwanden einfach. Traf man Juden, ging es nur darum, wer, wie und wann Deutschland verlassen könne. Es herrschte Freude, wenn man auf jemanden traf, der ausreisen konnte. 

Abraham Ebe musste jährlich eine Erlaubnis einholen, um seinen Beruf als Sattler und Portofeuilleur auszuüben. Ab 1936 bekam er die Erlaubnis  nicht mehr. Es fehlte an Geld für das Essen, für die Miete. Die Familie verarmt langsam. Esther verlässt deswegen, aber auch wegen der Übergriffe im Jahre 1935 die Schule; andere Schüler verlassen ebenso die Institution wegen der zunehmenden Aggressionen.(24) Allmächlich verlassen alle Kinder das Philanthropin. Rosa hilft der Mutter zu Hause, Leo beginnt eine kaufmännische Lehre, Esther versucht von der Mutter nähen zu lernen. 1935 beginnt sie bei einer Hutmacherin auf der Zeil eine Lehre als Putzmacherin. Die Devise der Eltern ist, die Kinder sollen vieles beherrschen, um überall überleben zu können. 

Und wieder muss die Familie wegen der finanziellen Notlage umziehen:

„Im Jahre 1936 musste mein Vater sein Geschäft wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäfte aufgeben. Danach richtete er sich in unserer Wohnung in der Hanauer Landstraße 27 ein Zimmer als Handwerksstube ein und arbeitete inoffiziell weiter, verdiente jedoch nicht genügend zur Bestreitung unseres Lebensunterhalts.“ (25) Er arbeitet heimlich in einem Verschlag im hinteren Teil der Wohnung. Nachts brachte er die angefertigten Taschen etc. unter einem weiten Mantel versteckt zu den Auftraggebern, potentiellen Käufern. 

Die Auswirkungen des Boykotts der jüdischen Geschäfte schildert Ernest I. Erbesfeld, selbst von den Maßnahmen gegen Juden betroffen, 1957 aus New York. „Ich stand mit Herrn Abraham Ebe in geschäftlicher Verbindung. Er besaß in Frankfurt am Main, Lenaustraße, ein offenes Ladengeschäft für Lederwaren mit anschließender Werkstatt. Er erzeugte unter anderem auch Handtaschen, womit er auch meine Firma I.& E. Erbesfeld, Lederwarenfabrikation, Frankfurt am Main, Zeil, in den Jahren 1934-1936 belieferte. Als er 1936 wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäfte seinen Laden aufgeben musste, richtete er sich in seiner Wohnung Hanauer Landstraße eine Werkstatt ein und verrichtete Heimarbeit bis zu seiner Ausweisung im Oktober 1938. - Bis 1936 hatte Herr Ebe ein gutgehendes Geschäft. Sein damaliges Einkommen schätze ich auf mindestens RM 6000  jährlich, während er mit der Heimarbeit von 1936-1938 kaum noch die Hälfte verdient haben dürfte.“(26)

Viele Juden versuchen, Deutschland zu verlassen. Auch die Eltern Ebe denken, so erzählt Esther, an eine Emigration in die USA. Leo brachte ein New Yorker Telefonbuch aus dem Jahre 1937 mit. Sie suchten nach jüdischen Namen und schrieben diese an, mit der Bitte um ein Affidavit.(27)  Leo scherzte, dass die Mutter dann in USA einmal „Mrs. Ibi“ heißen würde.

Die "Polenaktion"

Am 29.10.1938 werden im Rahmen der „Polenaktion“ (28) die fünf noch in Frankfurt lebenden Mitglieder der Familie Ebe - Abraham und Selda, die Kinder Rosa, Leo und die jüngste Tochter Esther - morgens um fünf Uhr durch die SS abgeholt. Es klopfte: "Anziehen, mitkommen", erzählt sie. Sie werden auf einem Lastwagen abtransportiert. Zunächst werden sie in eine Zelle gesperrt, in dem bereits viele weitere polnische Juden sind. Abends werden sie zum Bahnhof gebracht und in einen Zug verfrachtet. Im Zug werden sie mit weiteren Juden und Jüdinnen bis kurz vor die polnische Grenze nach Zbąszyń /Bentschen gebracht. Zum Zeitpunkt der Deportation sind Abraham und Selda Ebe circa 54 Jahre, Rosa 24, Leo 20 und Esther 18 Jahre alt.

In Sechserreihen werden circa 1500 polnische Juden aus Frankfurt unter den Befehlen der SS zur polnischen Grenze getrieben. Alle müssen ihre Identitätspapiere oder Pässe bereit halten. Die Männer hatten zusätzlich Israel, die Frauen Sara vor ihrem Nachnamen eingetragen. An der Grenze wird Esther von dem Rest der Familie getrennt. Ihr Vater und ihre Mutter intervenieren und wollen zeigen, daß Esther mit auf dem Papier ihres Vaters steht. Doch niemand interessiert das. Sie muß sich mit erhobenen Armen mit dem Gesicht zur Wand stellen und hört nur noch die sich entfernenden Schritte ihrer Angehörigen, die wegmaschieren müssen. Mit circa 50 weiteren polnischen Juden wird sie etwas später in eine ehemalige Synagoge gebracht, die zum Gefängnis umgewandelt wurde.29 Deutsche Juden aus der Umgebung kommen und versorgen sie mit Nahrung. Nach einigen Tagen helfen ihr einige jüdische Jugendliche. Sie zeigen ihr, dass das Tor offen steht. Sie kann mit ihrer Hilfe zum Bahnhof entkommen und kehrt mit dem Zug nach Frankfurt zurück. - Erst später erfährt sie, daß bald darauf auch die anderen polnischen Juden aus der Synagoge nach Frankfurt zurückgeschickt werden. Polen hatte die Grenze geschlossen und keine weiteren polnischen Juden mehr hineingelassen.(30)

Die Situation erklärt Esther im Antrag auf Entschädigung für ihren in der Deportation verschollenen Vater: „Auf Grund eines Ausweisungsbefehls des Polizeipräsidiums Frankfurt wurde mein Vater, meine Mutter, meine Schwester Rosa, mein Bruder Leo und ich selbst am 29.10.1938 nach Polen abgeschoben. Da ich wegen Minderjährigkeit noch keinen Pass besaß, wurde ich nicht über die Grenze gelassen und wieder nach Frankfurt zurückgeschickt.“ (31)

Esther sieht nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt, daß die Wohnung versiegelt ist. Ein christlicher deutscher Nachbar hilft ihr in die Wohnung zu kommen. Sie gibt ihm einige Gegenstände aus der Wohnung und bekommt dafür Geld von ihm. Esther sieht dort noch die Teetassen stehen, in denen ihnen die Mutter vor der Deportation Tee einschenken wollte. Sie macht kein Licht an, versteckt sich voller Angst in der Wohnung. Esther begreift, dass sie nun auf sich allein gestellt ist. Alle Entscheidungen hat die 18jährige jetzt selbst zu treffen.

Ende 1937 hatte sie eine Ausbildung als Hutmacherin im Geschäft von Frau Friedmann auf der Zeil begonnen. Sie sucht sie auf. Frau Friedmann umarmt sie herzlich. Sie hat sich schon Sorgen um Esther gemacht, da diese nicht mehr zu Arbeit gekommen war. Sie findet bei ihr für einige Tage Unterschlupf. Sie kehrt dann aber wieder in die Wohnung zurück.

Ihre ältere Schwester Regina ist zu dieser Zeit 30 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie Rosenthal in Frankreich. Mary, ihre zweitälteste Schwester, circa 27 Jahre alt, lebt seit 1935 mit ihrem Mann Arthur Halberstadt in München. - Voller Angst übernachtet Esther in Frankfurt manchmal bei Bekannten, manchmal in der Wohnung. 

In Frankfurt erlebt Esther einige Tage später in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 die Reichspogromnacht. (32) Durch den Lärm der zersplitternden Fenster und dem Gegrölle auf den Strassen wacht sie auf. Überall fliegen Steine in die Fenster jüdischer Wohnungen und Häuser. Sie läuft auf die Straße, sieht wie Juden auf Lastwagen abtransportiert werden. Sie sieht, daß die Synagoge in der Friedberger Anlage in Flammen steht. Sie läuft durch die Kaiserstraße direkt zum Bahnhof. Überall die gleichen Bilder. Auch hier sieht sie, wie jüdische Ladenbesitzer zusammengetrieben und auf Lastwagen abtransportiert werden. 

Esther, 18 Jahre alt, rennt zum Ende der Kaiserstraße direkt zum Bahnhof und flieht in ihrer Not zur Schwester Mary, auch Mariechen genannt, nach München. Doch auch in München empfängt sie die gleiche Zerstörung. Auch hier hatte man gewütet. Eine Woche bleibt sie bei ihrer Schwester. Mary und ihrem Mann ist es gelungen, zwei Überfahrten nach Shanghai zu erstehen. Sie sind bereits dabei, die Wohnung aufzulösen und zu packen. Für Esther können sie keine Passage mehr bekommen. Da Esther sich in München nicht auskennt, will sie nicht bleiben und fährt nach Frankfurt zurück. Manchmal übernachtet sie dort bei ihrer Freundin Hertha Hahn. - Auch der Familie Hahn wurden am 9. November die Scheiben eingeschlagen. - Manchmal ist sie in der Wohnung der Eltern.

 „Bei der plötzlichen Abschiebung nach Polen am 29.10.1938 wurde meinen Eltern keine Zeit gelassen, ihre Wohnungseinrichtung, bestehend aus vier Zimmern und einer Handwerksstube, zu liquidieren, sondern sie mussten sie im Stich lassen. Als ich dann im November 1938 allein wieder nach Frankfurt zurückkehrte, fand ich die Wohnungseinrichtung noch vor und ging daran sie aufzulösen. Ich verpackte Gebrauchsgegenstände in fünf Kisten (worüber Abschriften der seinerzeit aufgestellten Verzeichnisse hier beigefügt sind) und stellte sie beim Spediteur Anton C. Kiel, Frankfurt am Main, Gartenstr.15 unter, in der Absicht, sie später meinen Eltern nachzuschicken“, schreibt Esther 1957 in ihrer eidesstattlichen Erklärung, die ich in den Akten finde.

„Hingegen wollte ich die Möbel und Einrichtungsgegenstände unserer Wohnung an Ort und Stelle verkaufen, da ich Geld zum Leben brauchte. Als jedoch die Behörden von meinem Vorhaben erfuhren, riefen sie mich zu sich und zwangen mich, eine Erklärung zu unterschreiben, dass ich die Wohnungseinrichtung freiwillig abtrete.“(33)

Anfang 1939 gelingt ihr dann mit dem bereits vorliegenden Visum ihrer Freundin Hertha Hahn, das auf sie umgeschrieben wurde, die Ausreise nach England. - Die letzte Adresse Esthers in Frankfurt ist die Telemannstraße 20; wahrscheinlich die Adresse der Familie Hahn. (34)- Die Mutter von Hertha wollte ihre Tochter nicht alleine ausreisen lassen, sondern lieber auf die Einladung der Verwandten mit einem Familienvisum aus London warten.

Von London muss Esther sofort nach Brighton reisen, wo sie als Dienstmädchen in einer englischen Familie arbeitet. Erst nach acht Monaten kann sie in London die Verwandten der Familie Hahn aufsuchen, um diese zu bitten, ihnen ein Familienvisum zu schicken. Doch zu spät. Dass ihre Freundin, der sie das Leben verdankt, mit ihrer Familie bereits 1941 deportiert und später umgebracht wurde, erfährt Esther später.(35)

Aus den Deportationslisten in Archiven geht hervor, dass mit der Familie Ebe aus Frankfurt viele ihrer Verwandten von der „Polenaktion“ betroffen sind, darunter die mit den Nachnamen Ebe in Hannover. Ebenso wird die am 04.01.1920 geborene verwandte Hanni Ebe, als deren Aufenthaltsort während des Krieges das in Bayern befindliche Konzentrationslager Flossenbürg genannt wird, bis heute als verschollen gilt.(37)

In London lernt Esther Rudi Kleczewski kennen, der seit 1944 in der britischen Armee dient. Sie heiraten. Ursprünglich kommt Rudi aus Berlin; auch er ist jüdisch und auch seine Angehörigen werden in Deutschland deportiert.(38)

Nach der Deportation

Was nach der Abschiebung der Familie Ebe am 29.10. 1938 nach Polen geschah, kann aufgrund der wenigen Informationen nur skizziert werde. 

In den Akten der „Entschädigungsbehörde“ finden wir Kurznachrichten, vermittelt durch das Rote Kreuz. "Nach einem kurzen Aufenthalt im Flüchtlingslager Zbączyń (Bentschen) begaben sich meine Eltern, meine beiden Geschwister nach Warschau, wo sie anfangs bei Verwandten wohnten." (39) „Als Wohnsitz oder dauernder Aufenthalt bei Beginn der Freiheitsentziehung oder der Freiheitsbeschränkung“ wird in den Entschädigungsakten „Falenica bei Warschau, Ulica Wiesjka 11/Kreis Warschau, Polen genannt. (40)

Am 01.09.1939 erklärt Deutschland Polen den Krieg. Mit dem 04.09. beginnt der Einmarsch der Deutschen nach Polen. Das „Feindbild des polnischen Staates in der nationalsozialistischen Propaganda (bestand) aus vier Aspekten, nämlich staatlichen, nationalen, rassischen und biologischen.“ Die polnische Bevölkerung hielt man für „rassisch minderwertig“ und „verjudet“. (41) „Die polnische Überbevölkerung bedrohe das Deutsche Reich mit ihrer Minderwertigkeit.“ Brutales Vorgehen und größte Härte bei der Besetzung waren gefordert. „Zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs gab es in Polen ungefähr 3.474.000 Juden, was fast 10 % der Gesamtbevölkerung entsprach. Die erste Terrorwelle vom September/Oktober 1939 galt nicht in erster Linie der jüdischen Bevölkerung, sondern der polnischen Intelligenz. Trotzdem wurden nach Schätzungen allein bis zum Jahreswende 1939 bis zu 7000 Juden Opfer der Einsatzgruppen.“(42)

Nach und nach wurde die gesamte jüdische Bevölkerung in die Ghettos der größeren Städten konzentriert. Am Ende des Jahres 1941 wurde schließlich beschlossen, die jüdische Bevölkerung noch vor Ort zu vernichten. Das erste Vernichtungslager war Kulmhof, später folgten Belzec (März 1942), Sobibor (Mai 1942), Auschwitz-Birkenau (Juni 1942), Treblinka (Juli 1942) und Majdanek (September 1942). Sechs der sieben Vernichtungslager befanden sich auf polnischem Boden.(43)

Das Warschauer Ghetto bestand vom Oktober 1940 bis Mai 1943. „Bereits am 2. Oktober befahlen die Deutschen allen jüdischen Einwohnern der Stadt innerhalb von sechs Wochen den Umzug in ein Gebiet westlich vom Zentrum. Dort mussten die nichtjüdischen Bewohner ihre Wohnungen verlassen. Das Warschauer Ghetto wurde ab der Nacht vom 15. auf den 16. November 1940 in der Folgezeit mit einer 18 Kilometer langen und 3  Meter hohen Umfassungsmauer abgeriegelt...“ (44)

Circa 450.000 Jüdinnen und Juden waren hier teilweise interniert. „Das Warschauer Ghetto wurde von den Besatzern wiederholt brutal verkleinert und bei den verbliebenen Ghettobewohnern, die oft den Verlust der gesamten Familie, von Verwandten und Freunden zu beklagen hatten, wuchsen Unsicherheit und Bedrohung von Tag zu Tag.“ (45)

Die Frankfurter Familie Ebe, Bewohner von Falenica, Warschau, kamen bald ins Ghetto. Genaue Daten liegen nicht vor. "Sie wurden alle ins Ghetto in Warschau überführt, aus dem ich noch bis Juli 1942 durch Vermittlung eines Vetters in der Schweiz Nachrichten von meinen Angehörigen erhielt. Dann hörte jede Verbindung auf."(46)

Durch diesen Vetter, Josef Nasilewicz im Internierungslager in der Schweiz, erhält Regina von ihren Eltern und Geschwistern Nachrichten. - Zwei Postkarten sind in den Akten aufbewahrt und werden bei den Anträgen auf Entschädigung als Beweise vorgelegt. 

Die erste Karte vom 19. Mai 1941 enthält die Bitte Willy Rosenthal, dem Ehemann von Regina, aus Clermont-Ferrand, 13 Boulevard Jean Jauras, Pay-de-Dȏme an die Verwandten, sich über das Rote Kreuz zu melden:

„Warum keine Nachricht. Antwortet sofort durch Rotes Kreuz. Wie geht es Mama, Papa, Rosi, Leo. Bei uns alles in Ordnung und gesund.  Willy, Regina, Henri“

Als Empfänger ist Ebe, Ulica Wiejska 11, Falenica, Kreis Warschau genannt. - Auf der Karte steht die Bitte, die Mitteilung an den Antragsteller zurückzusenden.

Die Antwort aus Falenica, datiert vom 13. August 1941, lautet:

“Bei uns alles in Ordnung und gesund. Sehe zu uns über Paris etwas zu senden. Habt ihr zu leben? Antwortet uns sofort. Küsse von Allen„

Auf einer Militärpostkarte antwortet der Cousin Josef Nasilewicz  aus dem Internierungslager Pollegio, Kanton Tessin, Schweiz, am 07.09.1942:

„Liebe Regina,

Zum neuen Jahr wünsche alles beste,, möge bald der ersehnte Frieden einkehren und das wir uns in Freude sehen. Heute  erhielt ich einen Brief, den ich an Deine Mutter geschrieben habe, retour, mit der Bemerkung „Empfänger verzogen unbekannt“. Bin sehr besorgt um meine Angehörigen, da ich seit 3 Wochen kein Schreiben hatte. Sonst bei  mir kein neues. Hoffe dass meine Zeilen Dich bei bester Gesundheit antrifft. Grüße herzlich Josef. 

Camp d‘ internement militaire

Biasca Pollegio, Kanton Tessin, Schweiz

„Die „Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Frankfurt am Main“, teilte 1957 auf Anfrage von Esther für die Antragstellung bei der „Entschädigungsbehörde“ mit, dass die Verfügung für alle Juden im Ghetto zu leben, kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen erlassen wurde und dass ab 19.02.1940 die Verpflichtung zum Tragen des Judensterns bestand. Ferner, dass die Zerstörung des Warschauer Ghettos im April 1943 bis Anfang Mai 1943 stattgefunden hat.“(47)

Über den Verbleib der vier Angehörigen der Familie Ebe ist nichts zu erfahren. Die Auflösung des Warschauer Ghettos wurde systematisch ab Juli 1941 durchgeführt.(48) Entweder sind sie bereits im Warschauer Ghetto umgebracht worden, an Hunger oder an Krankheiten verstorben, oder sie wurden von dort direkt nach Treblinka oder Majdanek transportiert.(49) Diese Vernichtungslager wurden ab Ende 1941 errichtet, um die jüdische Bevölkerung direkt vor Ort töten zu können.

Unwahrscheinlich, wenn auch möglich ist, dass sie noch bis zum Ende im Ghetto überlebten. „So lebten Anfang 1943 offiziell  noch etwas mehr als 40.000 Menschen im Ghetto. Historiker gehen jedoch von weiteren bis zu 30.000 illegalen Ghettobewohnern aus.“

Wann und unter welchen Umständen die vier Angehörigen gestorben oder ermordet worden sind, wird niemals geklärt werden. 

In den Akten der Entschädigungsbehörde wird als Beginn der Freiheitsberaubung der Familie Ebe der 19.02.1940 festgesetzt, denn ab diesem Tag mussten sie den Judenstern tragen. Als Todeszeitpunkt wird der 31.07.1943 festgelegt: die endgültige Auflösung des Ghettos.

Zu dieser Zeit ist Regina mit ihrer Familie schon seit geraumer Zeit in Frankreich untergetaucht. Dort lebten sie nach kurzen Aufenthalten in Straßburg und Saint-Dié in Clermont-Ferrand unter dem Namen „Robert“. Nachdem die Vichy-Regierung auch dort Jagd auf Juden machte, wurden sie durch den katholischen Pfarrer von Domaize in dem Weiler Bertignac in einem verlassenen Forsthaus versteckt, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen bis Mitte 1944 August lebten. Ihr kleiner Sohn Hermann wird als „Henri Robert" von diesem Pfarrer bei einem Bauern namens Guillaumont in Domaize untergebracht. Nur so konnten sie einer Deportation entgehen.(50)  

Nach 1945

Nach dem Krieg leben Regina und Willy Rosenthal unter schwierigen Verhältnissen weiterhin in Frankreich, in Paris. (51) Ihr Sohn Hermann (Henri), geb. am 29.10.1930 in Frankfurt am Main, wird später Ingenieur und heiratet Monique. Auch heute leben sie weiterhin in Paris. Seine Mutter Regina Rosenthal ist am 11.11.2002 verstorben. Seine Tochter Olivia, die Urenkelin der Familie Ebe, ist Professorin für Kreatives Schreiben in Frankreich. - Als Dank für seine Hilfe für die Familie Rosenthal wird an den katholischen Pfarrer aus Clermont-Ferrand in Yad Vashem/Israel erinnert.

Esther und ihr Ehemann Rudi Kleczewski - bereits in England umbenannt in Clifford – emigrieren 1948 in die USA, nachdem ihre Schwester Mary mit Ehemann Arthur Halberstadt bereits 1947 von Shanghai aus in die USA eingewandert sind.

Der Sohn von Esther Clifford, geb. Ebe, heißt Allen Clifford, geboren in 1957; er ist seit 1981 verheiratet mit Ellen Menachem. Ihre Enkelin heißt Laureen, geb. 1978 in New Jersey, ihr Enkel heißt Justin, geb. 1989 in New Jersey.

Esther Clifford, geb. Ebe, die jüngste der Familie, lebt 2018 mit 98 Jahren in einem Pflegeheim in New York/USA.

Am 17.5. 2018 lassen wir fünf Stolpersteine für die Familie Ebe in Frankfurt in der Eckenheimer Landstraße 84 verlegen. - Zur Verlegung kommen als unsere Gäste aus Paris Hermann (Henry) und Monique angereist. 

Die schwierigen, jahrelangen Verhandlungen der überlebenden Schwestern der Familie Ebe - Regina, Mary und Esther - mit der „Entschädigungsbehörde“ wird unter „Das Schicksal der Familie Ebe aus Frankfurt Teil II“ untersucht; veröffentlicht unter www.kamiltaylan.blog 

 

(C) Hanne Straube

Fussnoten zum Text von Hanne Straube:

1 Rosenthal, Olivia, 2017a: "Wir sind nicht da, um zu verschwinden", Verlag Ulrike Helmer, Sulzbach.

2 Rosenthal, Olivia, 2017b: "Überlebensmechanismen in einer feindlichen Umgebung", Verlag Matthes und Seitz, Berlin.

3 https://www.youtube.com/watch?v=aDlykHcHp0A Interview mit Esther Clifford vom 03.11.1996 von Irene Dansky in Cranbury/New Jersey/USA in Englisch durch die USC Shoah Foundation aufgenommen.

4 Rosenthal, Olivia, 2017a: 127.

5 Mündliche Auskunft von Olivia Rosenthal am 11.10.2017 während ihres Aufenthaltes in Frankfurt zur Buchmesse.

6 Die Aktenzeichen der Familie Ebe sind HHStAW 518, 55556 – Abraham Ebe, 518, 55559 – Selda Ebe, 518, 55558 – Rosie Ebe, 518, 55557 – Leo Ebe; HHStAW 518, 48433 und 89033 – Regina Rosenthal.

7 Das Foto der Urgroßmutter Esther Perel Eyba befindet sich im Besitz von Esther Clifford. Sie zeigt die geretteten Fotos und Dokumente am Ende des durch die USC Shoah Foundation aufgenommenen Interviews, siehe Fußnote 3.

8 Eidesstattliche Erklärung Esther Clifford: „Schilderung der Verfolgung Abraham Ebes“ vom 13. 06.1957 in Akte 518, 55556, S.13. - Holzminden war ein Internierungslager von 1914 bis 1918 in Niedersachsen und hatte bis zu 10.000 Gefangene.

9 Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHSt AW 518, 89033.

10 Siehe Fußnote 3

11 Zur Beschreibung des Viertels siehe: Zehn Rundgänge. Hrsg.: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. (Hrsg.) Band 1.2. durchgesehene Auflage 2017. S. 74 ff. Verlag Brandes & Apsel.

12 https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main) Das Philanthropin war eine der Schulen der ehemaligen israelitischen Gemeinde. Es bestand von 1804 bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1942. „Mit bis zu 1000 Schülern war es die größte und am längsten bestehende Schule in Deutschland.“ - Seit dem Schuljahr 2006/2007 ist es Sitz der I. E. Lichtigfeld Schule, einer Grundschule mit Gymnasium der 1949 wieder gegründeten Jüdischen Gemeinde Frankfurts.

13 Heute Francois-Mitterrand-Platz.

14 Schreiben von Dr. H. Rupp, Wiesbaden, amtsärztliches Gutachten im Antrag Regina Rosenthal auf Entschädigung. Akte Regina Rosenthal, geb. Ebe (HHStAW, 518, 89033 S. 91-93.

15 https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main): „Ab 1928 war es möglich, die Schule vom Kindergarten bis zum Abitur zu besuchen.“

16 Siehe den Brief von Willy Rosenthal an Rechtsanwalt Dr. Norbert Volmer/Wiesbaden in Akte Leo Ebe HHStAW, 518, 55557.

17 Erst ist er in Offenbach gemeldet, dann in Hannover, dann in Frankfurt.

18 Vgl. Fußnote 3.

19 https://de.wikipedia.org: „Als Judenboykott bezeichneten die Nationalsozialisten den Boykott jüdischer Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Rechtsanwalts- und Notarkanzleien, den das NS-Regime seit März 1933 plante und am Samstag, dem 1. April 1933, in ganz Deutschland durchführen ließ.“

20 Vgl. Fußnote 3.

21 Vgl. Fußnote 3.

22 Vgl. Fußnote 3.

23 Vgl. Fußnote 3.

24 1942 wurde das Philanthropin durch die Nationalsozialisten geschlossen.

25 Vgl. Fußnote 3.

26 Eidesstattliche Erklärung Ernest I. Erbesfeld vom 15.06.1957 in Akte HHStAW, 518, 55556.

27 Vgl. Fußnote 3.

28 https://de.wikipedia.org: „Als Polenaktion bezeichnete man die Ende Oktober 1938 auf Anweisung Heinrich Himmlers und in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt kurzfristig durchgeführte Verhaftung von mindestens 17.000 im Reich lebenden, aus Polen eingewanderten Juden und ihre Ausweisung und Verbringung an die polnische Grenze. Die Abschiebung erfolgte gewaltsam und kam für die Betroffenen völlig überraschend. Herschel Grynszpan, dessen Eltern betroffen waren, schoss deswegen am 7. November in Paris auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath, der am 9. November starb, was wiederum Anlass für die Novemberpogrome 1938 war.“

29 Dasselbe erzählt eine damals 16jährige Jugendliche aus Frankfurt, die in 2017 für die Stolpersteinlegung der Initiative Frankfurt am Main e.V. unter dem Namen Bendkower in Frankfurtweilt. (siehe youtube)

30 Vgl. Fußnote 3.

31 Vgl. Fußnote 8. 

32 https://Reichskristallnacht: „Die Novemberpogrome 1938 steigerten den staatlichen Antisemitismus zur Existenzbedrohung für die Juden im ganzen Deutschen Reich. Entgegen der NS-Propaganda waren sie keine Reaktion des „spontanen Volkszorns“ auf die Ermordung des deutschen Diplomaten durch einen Juden. Sie sollten vielmehr die seit Frühjahr 1938 begonnene gesetzliche „Arisierung“, also die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes und jüdischer Unternehmen planmäßig beschleunigen, mit der auch die deutsche Aufrüstung finanziert werden sollte. Der Zeitpunkt der Pogrome hing eng mit Hitlers Kriegskurs zusammen.“

33 Vgl. Fußnote 8.

34 Information durch Hartmut Schmidt/Initiative Stolpersteine Frankfurt e.V. zu Hahn.

35 Information Hartmut Schmidt, Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. vom 01.10.2017: Hahn, Hertha, Herta (Freundin von Esther Ebe), geb. Am 09.03.1922 in Frankfurt am Main./Fechenheim; ledig. Ihre Eltern waren (vermutlich) die Mutter Hahn, Recha (Rosa) geb. Hamburger, am 17.10.1892 in Langenselbold, wohnhaft in Frankfurt, und der Vater Hahn, Gustav, geb. 11.09.1886 in Frankfurt. - "Der Vater war Inhaber eines Schuhgeschäfts. Die Firma wurde vermutlich verfolgsbedingt zum 13. Mai 1938 eingestellt. Die Flucht in das Exil scheiterte, obwohl die Beträge für die Beförderung des Lifts und die Schiffskarten bereits bezahlt waren. Zwangsweise

Entrichtung der "Judenvermögensabgabe" in Höhe von 11.500 Reichsmark und der "Dego-Abgabe" in Höhe von 900 Reichsmark durch die Eltern. Frankfurter Adressen ab 1928 im eigenen Haus Überlinger Weg 11, später Alt Fechenheim 105, zuletzt Telemannstraße 3 oder 20." Verschleppung aller ab Frankfurt am Main am 20.10.1941 bei der ersten großen Deportation nach Litzmannstadt Lodz), in das Ghetto. Dort stirbt sie und ihre Mutter unbekannten Datums. "Ihr Vater kam nach neuneinhalb Monaten in Lodz ums Leben."

36 Aus den Deportationslisten geht hervor, dass in Hannover verschiedene Menschen mit dem Nachnamen Ebe lebten, also eine „Hannoveranische Verwandtschaft“ existierte. Sie wurden ebenfalls am 28.10.1938 im Rahmen der „Polenaktion“ nach Zbąszyń /Bentschen deportiert. (Auskunft Hartmut Schmidt am 19.09.2017 von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. Dabei handelt es sich um Bernhard Ebe, geb. am 29.08.1926 in Hannover; um Icek Ebe, geb. am 02.10.1890 in Warschau; um Leo Ebe, geb. am 23.06.1925 in Hannover; um Nelli Ebe, geb. am 01.08.1931 in Hannover; Sara Ebe, geb. Landmann, am 20.06.1902 in Tarnow. - Bis zum Sommer

1939 sind sie dort in einem Internierungslager inhaftiert. Von dort werden sie in das Warschauer Ghetto deportiert. Todeszeitpunkt unbekannt.

37 Schriftliche Auskunft auf eine Anfrage an die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

38 Auskunft Hartmut Schmidt, Initiative Stolpersteine Frankfurt e.V. am 29.09.2017; Seine Eltern sind Hedwig, geb. Fleischmann am 13.12.1890 in Berlin und Markus (Max), Kleczewski geb.29.11.1885 in Thorn, (Toruń) /Polen; beide wohnhaft in Kreuzberg, Skalitzer Str. 30. Inhaftierung in Berlin, in der Sammelstelle Levetzowstraße, ihre Deportation erfolgt am 13. Januar 1942 ab Berlin ins Ghetto nach Riga. - Im Interview – Fußnote 3 – zeigt sie ein Foto von ihren Schwiegereltern. In den Gedenkbüchern Riga gibt es darüber hinaus noch acht weitere Personen mit dem Nachnamen Kleczewski. Ob es sich um weitere Verwandte der Schwiegereltern von Esther Ebe, verheiratete

Kleczewski, später umbenannt in Clifford, handelt, kann nicht beantwortet werden.

39 Vgl. Fußnote 8.

40Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in HHStAW 518, 55556.

41 https://wikipedia /de : „Deutsche Besetzung Polens 1939-1945.“

42 Siehe Fußnote 43.

43 https://wikipedia /de: „Deutsche Besetzung Polens 1939-1945.“

44 https://de.wikipedia.org: Das Warschauer Ghetto.

45 https://de.wikipedia.org: „Das Warschauer Ghetto, von den deutschen Behörden „Jüdischer Wohnbezirk in Warschau genannt, wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten für polnische und deutsche Juden errichtet und war das bei weitem größte Sammellager dieser Art. Es wurde Mitte 1940 im Stadtzentrum Warschaus, westlich der Altstadt im Stadtteil Wola zwischen Danziger Bahnhof und dem alten Hauptbahnhof Warszawa Główna und dem Jüdischen Friedhof errichtet. Hierher wurden vor allem Juden aus ganz Warschau, aus anderen unter deutscher

Kontrolle stehenden polnischen Regionen sowie aus dem deutschen Reichsgebiet und den besetzten Ländern deportiert. Es diente schließlich hauptsächlich als Sammellager für die Deportationen in

das Vernichtungslager Treblinka der SS und war als solches Teil der organisierten Massenvernichtung, der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“. Das Warschauer Ghetto war der Ort der größten jüdischen Widerstandsaktion gegen den Völkermord, des so genannten jüdischen Aufstands im Warschauer Ghetto, der vom 19. April bis mindestens zum 16. Mai 1943 dauerte.„

46 Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHSt AW 518, 55556.

47 Eidesstattliche Erklärung Regina Rosenthal in Akte HHStAW, 518, 55556.

48 https://de.wikipedia.org: „Das Warschauer Ghetto wurde durch die SS ab dem 22. Juli 1942 im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ schrittweise aufgelöst. Die Ghettobewohner wurden in Vernichtungslager geschickt, die meisten von ihnen nach Treblinka, Mit den fortschreitenden Deportationswellen wurden die Ghettos räumlich verkleinert, bis sie schließlich vollständig „liquidiert“ wurden, so der deutsche Sprachgebrauch für den Mord an allen übrigen Gefangenen. Nach den großen Deportationen im Sommer 1942 war das Ghetto kein Wohnbezirk mehr, sondern ein großes Lager mit Zwangsarbeitern, von den Deutschen als Restghetto bezeichnet, das kein zusammenhängendes Gebiet darstellte.“

49 https://de.wikipedia.org : Im Vernichtungslager Treblinka wurden vom Juli bis November 1943 mindestens 700.000 bis zu 1.1 Millionen Menschen umgebracht; im Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek-Lublin vom Juli 1941 bis Juli 1944 circa 78.000.

50 Eidesstattliche Erklärung Willy Rosenthal vom 21. Januar 1957 in Akte Regina Rosenthal HHStAW 518, 89033.

51 Schreiben von Dr. H. Rupp, Wiesbaden, amtsärztliches Gutachten zu Regina Rosenthal. S.91-93 in Akte HHStAW 518, 89033.

Aufgrund der aktuellen Situation können die Gedenkveranstaltungen an den authentischen Orten nicht stattfinden

 

Sonnabend,  4. April

1.
Semnar & Wolf Kommunikation GmbH, "Saal Wronker" im Souterrain, Senckenberganlage 12, Frankurt-Westend
10-11 Uhr  Vortrag

Mit Vergessene Namen Vernichtete Leben soll an die Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Hermann Wronker und ihr großes Warenhaus an der Frankfurter Zeil erinnert werden. Auf dem Grundstück Senckenberganlage 12 (früher Hohenzollernplatz 76) wohnte die Familie Wronker von 1911 bis zur "Arisierung" durch die Nationalsozialisten. Die Villa wurde bei einem Luftangriff völlig zerstört. Der Stadtteilhistoriker Dieter Mönch stellt die Familie in einem Vortrag mit Bilddokumenten vor.

 

2.

Villa Kennedy, Kennedyallee 70, Frankfurt-Sachsenhausen
11:30 - 12:30 Uhr  Vortrag
Der historische Teil des heutigen Luxushotels Villa Kennedy war ursprünglich das Wohnhaus der jüdischen Familie Beit von Speyer. Dieter Wesp erforschte als Stadtteilhistoriker die Geschichte des Gebäudes und entdeckte, dass die Villa eine von rund 170 Immobilien war, die die Stadt Frankfurt im Nationalsozialismus in ihren Besitz gebracht hatte. 2018 hat die Stadt Frankfurt beschlossen, diese Vorgänge umfassend untersuchen zu lassen. Im historischen Weinkeller der Villa erinnert Dieter Wesp an die Geschichte des Gebäudes, die früheren Bewohner und die Umstände, unter denen sie ihren Besitz verloren sowie das geplante Forschungsprojekt.

 

3.

Mauerweg 10, Frankfurt-Nordend
13-14 Uhr  Biografische Lesung mit Dokumenten und Fotografien

An die drei jüdischen Schwestern Betty, Selma und Anna Wertheimer, die in diesem Haus seit 1910 mit ihren Eltern Karl und Luise Wertheimer und später zeitweise mit ihren Familien lebten, erinnert die Initiatorin der Stolpersteine gemeinsam mit einer heutigen Hausbewohnerin. Betty und Eugen Kloos, Selma und Simon Scheuer, Anna und Emil Schmitt wurden aus Frankfurt deportiert und ermordet. Seit 2014 erinnern Stolpersteine vor dem Haus an die Familien.

 

4. 

Kantstraße 6, Frankfurt-Nordend
14-16 Uhr  Gespräch

Selma und Seligmann Stern mit ihrer Tochter Elfriede gehörten zu den in die Kantstraße 6 unter Zwang eingewiesenen Mieter*innen. Die heutigen Hausbewohner*innen, Ansprechpartnerin ist Helga Irsch-Breuer, laden mit Fotografien und Gesprächen dazu ein, sich gemeinsam an Familie Stern und die anderen 18 jüdischen Verfolgten, die hier im Haus lebten, zu erinnern. Seit 2012 erinnern Stolpersteine an Elfriede, Selma und Seligmann Stern.

 

5.

Kino Mal Sehn, Adlerflychtstraße 6, Frankfurt-Nordend
14-16 Uhr  Film und Gespräch
Ernst Ludwig Oswalt (1922-1942) war Schüler der Musterschule und Leiter der Jugendarbeit in der Evangelischen St. Petersgemeinde. Von den Nationalsozialisten als Jude verfolgt, verfasste er am Tag vor seiner Deportation einen Brief an seine Freunde. Meinen Freunden zum Abschied heißt auch der 80minütige Dokumentarfilm des Frankfurter Filmemachers Heiko Arendt über Ernst Ludwig Oswalt. Zum anschließenden Gespräch kommt seine Nichte Ruth Oswalt aus Basel.

 

6.

Karl-Albert-Straße 33, Frankfurt-Bornheim

15-17 Uhr  Lesung, Gespräch und Musik
Mina und Arnold Salomons lebten in diesem Haus mit ihren Kindern Dagobert und Hanna. Dagobert gelang als einzigem der Familie 1938 die Flucht nach Kolumbien. Nach weltweiten Recherchen fanden die heutigen Hausbewohner Rosi und Edgar Reh die Tochter von Dagobert Salomons in Darmstadt. Dr. Astrid Salomons wird von der Geschichte ihrer Familie erzählen und aus Briefen lesen. Das Gedenken wird begleitet vom Chor des Musikalischen Wohnzimmers im Herrenapfel (Liz Nolte/Akkordeon, Brett Nancarrow/Klarinette, Lutz Eichhorn/ Gitarre). Seit 2018 erinnern Stolpersteine vor dem Haus an die Familie Salomons. 

 

7.
An der Ringmauer, Frankfurt-Römerstadt
15-17 Uhr  Gespräch und Musik
An die Menschen, die in der Römerstadt lebten und von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, erinnert die Stadtteilhistorikerin Christa Fischer im Haus an der Ringmauer 15. Die Opernsängerin Kalliopi Patrona-Küpper und der Konzertgitarrist Christian Küpper öffnen zu diesem Gedenken ihre Wohnung und laden ein zu einer musikalischen Erinnerung.
Seit 2008 wurden 16 Stolpersteine in der Römerstadt verlegt. Sie erinnern an die Familien Baumann, Berentzen, Bohrmann, Cahn, Fabisch, Goldschmidt, Höxter, Jakob, Löb, Simenauer und Rothenberger.

 

Gedenkveranstaltungen am Sonntag, 5. April

1. 
Bildungsstätte Anne Frank e.V., Hansaallee 150, Frankfurt-Dornbusch
12-14 Uhr  Gespräch (Englisch mit Übersetzung)

Die Witwe Elise Hofmann war eine der ersten Bewohnerinnen der von der Henry und Emma Budge Stiftung 1930 fertig gestellten Seniorenresidenz in der Hansaallee 146. Im März 1939 wurden die letzten jüdischen Bewohnerinnen aus dem Heim vertrieben. Karen und Connie Levi kommen aus Rockville/Maryland und aus San Francisco nach Frankfurt, um an ihre 1942 in Treblinka ermordete Urgrossmutter Elise Hofmann zu erinnern.

Seit 2019 erinnert ein Stolperstein vor dem heutigen Seniorenzentrum Grünhof im Park an Elise Hofmann.

 

2.
The Suite Fabric Hotel, Hanauer Landstraße 14, Frankfurt-Ostend
15-17 Uhr   Lesung und Zeitzeugengespräch

Edith Erbrich geb. Bär war ein Kind von sechs Jahren, als sie mit ihrer älteren Schwester Hella und ihrem Vater Norbert Bär am 14. Februar 1945 aus dem Nachbarhaus Uhlandstraße 60 mit einem der letzten Transporte nach Theresienstadt deportiert wurde. Heute ist Edith Erbrich eine engagierte Zeitzeugin. Ich hab' das Lachen nicht verlernt lautet der Titel ihrer Lebensgeschichte, aufgezeichnet von Peter Holle (2014).

 

3.

Weinstube im Nordend, Eckenheimer Landstr. 84, Frankfurt-Nordend
15-17 Uhr  Lesung und Gespräch

An die Eheleute Selda und Abraham Ebe und ihre fünf Kinder erinnert Hanne Straube in der Weinstube im Nordend. In diesen Räumen wohnte und betrieb die Familie den Lederwarenladen Ebe. Am 29. Oktober 1938 wurden fünf Mitglieder der Familie im Rahmen der sogenannten Polenaktion bis über die polnische Grenze deportiert und dort ausgesetzt. Die drei überlebenden Kinder beantragten Entschädigung für ihre ermordeten Angehörigen. Die Akten, aus denen gelesen wird, zeigen die demütigende Vorgehensweise der Behörden.
Seit 2019 erinnern Stolpersteine vor der Weinstube an Selda und Abraham Ebe und ihre Kinder Rosa, Leo und Esther.

 

4.
Weinstube im Nordend, Eckenheimer Landstr. 84, Frankfurt-Nordend
17:30 Uhr  Lichtinstallation
Mit einer Lichtinstallation der Namen gedenken wir jener Menschen, deren Geschichte wir an diesem Wochenende in Frankfurt erinnern.